Gedanken am Morgen

Es scheint dass uns heute der erste wirklich verregnete Tag erwartet, zumindest wenn ich den Wetterfröschen im Radio glauben darf. Nach der netten Netti kommt jetzt Rolf zu Besuch und beschert uns herbstliche Gefühle. Ganz ehrlich? Netti war mir viel sympathischer. Aber da müssen wir wohl durch und werden auch das Beste daraus machen.

Brandenburg an der Havel 03.10 (3)

Gestern hörten wir in den Medien von den steigenden Obdachlosenzahlen, bis 2018 rechnet man mit über einer halbe Million Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne ein Dach über dem Kopf. Die Frage die mich nicht los lässt, gehören wir eigentlich auch dazu? Wir haben kein Steinhaus, unser Zuhause ist auf vier Rädern. Ein Verkäufer mit dem ich vor einer Weile ins Gespräch kam, nannte uns scherzhaft » Moderne Zigeuner «

Bad Doberan 10.09 (12)

Vermutlich tauchen all jene gar nicht in der Statistik auf, die wie wir im Wohnmobil leben, oder auf einem Campingplatz im Wohnwagen. Die Zahl derer, die eine solche Wohnform wählt, steigt ebenso wie die Obdachlosenzahlen stetig. Und vermutlich haben wir alle auch kaum eine reelle Chance wieder ein bezahlbares Obdach in einem Steinhaus zu bekommen.

Fürstenberg 30.09 (5)

Auf unserer Tour, wenn wir frei auf öffentlichen Parkplätzen gestanden haben, sind uns zudem auch schon einige Menschen begegnet die in ihrem PKW leben, ihr gesamtes Hab und Gut dabei haben. Teilweise noch junge Menschen die im Berufsleben stehen und trotzdem in ihrem Auto leben. Sind auch diese Menschen obdachlos?

Fürstenberg 30.09 (90)

Wikipedia sagt dazu » Obdachlosigkeit wird definiert als Zustand, in dem Menschen über keinen festen Wohnsitz verfügen und im öffentlichen Raum, im Freien oder in Notunterkünften übernachten. „Platte machen“, „schieben“ oder „auf Platte sein“ bezeichnet umgangssprachlich z. B. in Parkanlagen, auf Bänken, unter Brücken, in Hauseingängen, Baustellen und Bahnhöfen zu nächtigen. Der Begriff „Obdach“ bedeutet Unterkunft oder Wohnung.« Quelle Wikipedia

Nehme ich diese Definition dann zählt das fahrende Volk, dazu zähle ich uns, nicht zu den Obdachlosen, denn wir haben ja eine Unterkunft, haben ein Dach über den Kopf.

Am Wornsberg 26.09 (11)

Trotzdem gehören wir zu einer Randgruppe. Was wir ja auch in unserem sozialen Nahfeld zu spüren bekommen haben. Viele haben sich zurückgezogen, können unsere Entscheidung nicht nachvollziehen. Wir haben schon zu hören bekommen, so wie ihr lebt das ist nicht Gesellschaftsfähig. Nicht normal.

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Normal? Was ist eigentlich normal, wer bestimmt was normal ist?

Wir leben heute in einer Gesellschaft die geprägt ist von Pflichten. Diese Pflichten beginnen schon beim Kleinkind. Normen gaben vor wann es laufen und sprechen können muss. Selbst Größe und Gewicht müssen Normtabellen entsprechen. Dann folgt die Schulpflicht, Ausbildung und mindestens 40 Jahre Job. Wohnung oder Haus, Partner und Kinder. Normen die von der Gesellschaft geprägt werden, und nach denen rund 90% der Menschen leben. Sie beugen sich dem Leistungs – und auch Konsumzwang. Eben weil es normal ist und man nicht ausgegrenzt sein möchte.

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Irgendwann kommt allerdings der Moment wo man zurück blickt und sich fragt, ist das alles? Wo man nach vorne schaut und spürt ich will doch mehr, das kann doch nicht mein Leben gewesen sein? Dieser Druck, diese Pflichten und Normen erdrücken mich, ich habe das Gefühl die Schablone erdrückt mich. Einige schaffen es dann und zerbrechen die Schablone und steigen aus. Suchen sich andere Wege, werfen Ballast ab und beginnen zu leben.

Freilichtmuseum Ribnitz 15.09 (51)

Ein Teil dieser Aussteiger wird wie wir zum fahrenden Volk, gibt alles auf was es bisher erarbeitet hat. Und fühlt sich dabei auch noch lebendig. Das Leben auf der Straße ist eine tägliche Herausforderung, ganz sicher kein Zuckerschlecken. Und doch eine positive Herausforderung, eine selbstgewählte Herausforderung.

Ich muss immer schmunzeln wenn wir gefragt werden, wo wir denn wohnen, oder man uns noch einen schönen Urlaub wünscht. Wenn es sich ergibt erzählen wir dann dass wir keinen Urlaub machen, sondern mit unserem Zuhause unterwegs sind. Manche werden dann neugierig und fragen intensiv nach, bei anderen spürt man das sie nur weg wollen, das wir ihnen suspekt sind.

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Aber die Frage bleibt trotzdem, gehören wir zu den Obdachlosen? Wenn ja sind die Zahlen die gestern genannt wurden, und ganz sicher nicht die Dunkelziffer einrechnen, überhaupt haltbar? Sind wir dann nicht schon jetzt bei weit über einer halben Million? Eure Meinung würde mich interessieren, wie denkt ihr darüber? Was sind wir in euren Augen, die ihr doch » normal « lebt.

16 thoughts on “Gedanken am Morgen”

  1. Hallo Ihr Zwei,
    wir sind ja nun auch seit zweieinhalb Jahren auf der Straße, aber als obdachlos habe ich uns noch nie empfunden. Das wäre für mich eine erzwungene Form aufgrund mangelnder Möglichkeiten.
    Heimatlos würde ich es auch nicht nennen, denn unsere Heimat ist Europa, in dem wir Kreuz und quer rumfahren. Ich hatte auch früher in der Stadt nie ein Heimatgefühl. Dazu sind wir als Kinder zu oft umgezogen.
    Ich halte uns auch eher für moderne Zigeuner, auch wenn das Wort nicht mehr politisch korrekt ist. Aber das trifft es am Ehesten. Und wir fühlen uns wohl dabei. Aber auch bei uns ist es passiert, dass alte Kontakte verblasst sind. Aber es sind auch neue hinzu gekommen. Manche davon sehr wertvoll.
    Allerdings gehören wir auch zu den Weicheiern, die im Winter nach Süden ziehen. Hut ab vor denen, die im Winter oben bleiben. Wir sind froh, den Winter nicht mehr in voller Härte erleben zu müssen.

    Wir wünschen Euch und allen anderen Zigeunern weiterhin viel Spaß an dieser Form des Lebens.
    Liebe Grüße
    Ernst und Sonja

    1. Guten Morgen ihr zwei beiden,

      wir empfinden uns auch nicht als Obdachlos, aber der Gedanke kam halt auf, sind wir in dieser Statistik mit erfasst oder nicht? Aber da wir ja eine feste Meldeadresse haben, wohl eher nicht.
      Überwintern im warmen Süden, das trauen wir unserem Dicken noch nicht zu, dafür waren in den wenigen Monaten einfach schon zu viele Pannen und Reparaturen und so wollen wir es noch nicht wagen, da sich die Ersatzteilbeschaffung im Ausland sicherlich um einiges schwieriger gestalten könnte als hier.
      Euch auch eine schöne Zeit und schickt ab und an ein wenig Sonne in den Norden 😉

      Gabriele und Joachim

  2. Hallo,wir sind nun fest seit 2010 Obdachlos und haben es bisher keinen Tag bereut.
    Unverständnis,Bewunderung Neid erleben wir auf unseren Reisen und Aufenthaltsorten immer wieder, was uns aber nicht weiter belastet oder stört. Auch haben sich unsere ehemaligen Kontakte ganz schön gelichtet, dafür kommen und gehen jeden Tag neue manchmal bleibt ein guter bestehen.
    Anders ist es wenn Du deine Rechte wahrnehmen möchtest oder Amtlich Angelegenheiten anstehen. Dann wirst du von den meisten Behörden wie der letzte behandelt. Deutschland ist und bleibt ein Spitzelstaat der Jetzige ist schlimmer als die ehemalige.DDR. Du musst nachweisen woher,wohin und wovon gelebt wird offenlegen von persönlichen Daten uneingeschränkt Notwendig.
    Letztes Beispiel…Meine Passverlängerung ist in Deutschland ohne feste Meldeadresse nicht möglich, da muss ich in Frankreich oder Portugal auf das Konsulat und den dort beantragen.
    Solche Probleme treten dann schon mal auf.
    Das wird aber durch die Freiheit tausendmal aufgewogen.
    Viele grüße und Unfall freie Fahrt.
    Petra, Dieter und Jule
    PS. Man braucht keinen Heimathafen überall auf der Welt ? gibt es fast alles zu kaufen was man zum guten Leben braucht und das ist nicht viel…..

    1. Ich muss mich einmal mit eurer Seite beschäftigen und nachlesen wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist. Wir haben auch hin und her überlegt, uns dann doch für die Variante CP als Meldeadresse entschieden. Seit dem Frühsommer sind wir dort gemeldet, doch mehr als zwei Wochen waren wir noch nicht dort. Dezember, Januar werden wir wohl dort verbringen, und mal ein wenig um unser Heim kümmern, bevor wir dann wieder auf die Straße gehen.

      Herzliche Grüße
      Gabriele und Joachim

  3. Hallo Ihr Zwei,
    diese Gedanken machen sich wohl alle über kurz oder lang.
    Was sind wir eigentlich? Moderne Zigeuner, Reisende, Aussteiger?
    Wenn mich jemand fragt, bist du etwa Obdachlos? Antworte ich immer: Nö, ich bin „Heimatlos“, auf keinen Fall „Obdachlos“!
    Ich finde das trifft es ganz gut. Wir wollten schon immer als Nationalität „Weltbürger“ haben anstatt ein Land benennen zu müssen.
    Aber schön zu hören, dass Ihr ebenfalls in Deutschland „überwintert“ – bleiben wir ja doch nicht alleine zurück 🙂

    Liebe Grüsse,
    Claudia

    1. Hallo Claudia,

      heimatlos? Meine Heimat ist da wo ich geliebt werde,bei meinem Mann, meinen Kindern und einigen wenigen Freunden. Jetzt bin ich weder obdachlos noch heimatlos 🙂 wie formulierte das eben jemand in Facebook? Genußfreimenschen 🙂 Gefällt mir ganz gut

      Wo überwintert ihr? Wir in Niedersachsen, an der Grenze zu Sachsen Anhalt.

      Lieben Gruß
      Gabriele

      1. Wir werden weiterhin irgendwo rund ums Rhein-Main-Gebiet überwintern. Zum Jahresende wollen wir in die Eifel – ich hab was von „Meterhohem Schnee“ gehört. Da freu ich mich richtig drauf! SCHNEEBALLSCHLACHT 🙂 Zum aufwärmen schau ich mir dann die Sonnenbilder aus dem Süden an 😉

        1. Dann werden wir die Eifel meiden wie die Pest, wir sind keine Schneemenschen 🙂 Nein Scherz beiseite, wenn wir nicht losmüssen, irgendwo fernab vom Ort, Matsch und Salz genießen dürfen dann können wir dies auch.
          Und der Winter wird wohl ziemlich lang und kalt, wenn man auf die Stimmen der Natur schaut, der Futternapf für die Tiere ist gut gefüllt damit sie den Winter überstehen. Ein ziemlich sicheres Zeichen

  4. Hallo,

    solche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht. Nun unterscheidet uns von den Obdachlosen, an die man gleich denkt, wenn man das Wort hört, dass wir uns freiwillig dafür entschieden haben. Bei den „Pennern“ auf der Straße waren es oft Schicksalsschläge, wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Scheidung, die sie aus der Bahn geworfen haben.
    Aus der Bahn geworfen sind wir ja nicht, wir haben nur die Spur gewechselt.
    Für die Statistik als Obdachlos gelten wohl alle, die „OfW“ im Ausweis haben, also „Ohne festen Wohnsitz“. Solange wir noch irgendwo gemeldet sind, zählen wir gar nicht dazu.
    Treffen: Ja, das sollte man wirklich mal organisieren. Mit Andre „AMUMOT“ und Andreas und Claudia von 14qm treffe ich mich ab und zu. Aber insgesamt fährt man sich weniger oft über den Weg, als man annehmen sollte. Dazu kommt, dass im Winterhalbjahr viele in den Süden fahren.
    Ich ja auch, erst nach Bayern, dann nach Italien, nur dummerweise fahre ich inzwischen viel lieber über Berlin, als auf der Dauerbaustelle A7 an Kassel vorbei.

    Gruß
    Henning

    1. Grüß dich Henning,

      über das OFW hatten wir auch kurzzeitig nachgedacht, uns dann aber doch für eine Meldeadresse entschieden, eigentlich der letzte Zwang dem wir uns beugen.

      Bist du an Berlin schon vorbei? Treiben uns gerade in der Region Dessau – Halle an der Saale herum

      Lieben Gruß
      Gabriele

  5. Hallo Gabriele und Joachim,

    da sprichst du ja mal ein interessantes Thema an. Wir gehören ja auch zum dem Volksstamm der modernen „Zigeuner“. Auf Ablehnung sind wir bis jetzt noch nie gestoßen. Allerdings auf Unverständnis, aber auch manchmal Neid.
    Der Kontakt zu dem meisten unserer alten Bekannten ist auch abgebrochen. Das scheint wohl, zwangsläufig, normal zu sein.

    Die Frage, wer eigentlich bestimmt was „normal“ bescchäftigt mich auch immer wieder. Für mich ist es normal, dass Leute wie ihr und wir, ihr Recht auf freie Entfaltung wahrnehmen und sich für ein Leben an unterschiedlichen Orten, in einem mobilen Zuhause entscheiden. Aber ich war schon immer der Typ Mensch, der gerne etwas anders ist/war als alle Anderen.
    Ich lebe son bißchen meine eigene kleine Revolution und mache verschiedene Sachen einfach nicht mit.
    Du hast völlig recht; man muss eigentlich in festgelegten Schablonen leben. Wer die festlegt? Eigentlich ja unsere „Volksvertreter“ und natürlich der Bürger. Leider ist es ja so, dass wir Deutschen am Stammtisch rebellieren und am nächsten Tag dann doch alles brav mitmachen und uns irgendwo in diese Schablonen pressen lassen.
    Das fängt doch scchon in der Schule an… Wer ist für diesen scheiss Lehrplan verantwortlich? Warum lernen die Kinder kein Sozialverhalten? Warum lernen sie nicht, wie man Kinder erzieht?
    Ich hätte da noch 1000 Fragen, aber das würde hier sicher den Rahmen sprengen….

    Zum Thema Regen! Kommt einfach mal bei uns bei 🙂 Hier wird es zwar auch langsam Herbst, aber hier sind Herbst und Winter viel milder, oft sogar warm und Regen ist quasi mal eine willkommene Abwechslung…

    Habt weiter viel Spass 🙂

    1. Moin Dirk,

      deine Einladung nehmen wir sicherlich gerne mal an, doch noch trauen wir unserem dicken eine solche Fahrt nicht zu, deshalb überwintern wir dieses Jahr ganz brav im Heimathafen und werden unser Home auch einem Check unterziehen, aber auch noch einiges verändern was uns auf Dauer so nicht gefällt. 🙂

      Über dieses Thema haben wir gestern lange gesprochen, und ich dachte mir ich stelle es einfach mal in den Raum. wir sind ja doch mittlerweile eine große Gruppe und somit ist es ja auch Thema welches uns alle berührt. Ich bin wirklich gespannt auf die verschiedenen Reaktionen, oder ob es eher still bleibt. 🙂

      1000 Fragen, lach ich hätte auch noch endlos weiter schreiben können heute morgen. Aber es kommen ja auch sicherlich noch einige triste Tage an denen mich nichts nach draußen lockt und da brauche ich ja auch noch Themen 🙂

      dir auch noch eine schöne Zeit
      Gabriele

  6. Hallo. Wir verfolgen regelmäßig eure interessanten Beiträge.
    Wir ziehen auch in 10 Tagen aus unsrem Haus ins womo.
    Sind gespannt wie es wird . Würden dann schon mal ‚gleichgesinnte ‚ treffen um Erfahrungen auszutauschen. Gibt es dazu auch treffen?
    Wünschen euch noch ganz viele und interessante Momente in eurem Leben

    1. Guten Morgen Manne,

      bisher gab es noch kein treffen speziell von im Mobil lebenden, leider. Aber wenn wir im Dezember im Heimathafen anfahren werden wir den Betreiber mal fragen ob so was dort möglich wäre. Wäre sicherlich mal in interessantes Treffen.
      In Richtung Kassel geht unsere momentane Fahrtrichtung, entweder noch diese Woche spätestens aber kommende Woche werden wir in/bei Kassel sein. Wenn ihr dann Zeit und Lust auf einen Kaffee habt?

      Herzliche Grüße
      Gabriele und Joachim

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