Häusliche Gewalt beginnt schleichend

Wie in der Kategoriebeschreibung schon erwähnt, hat häusliche Gewalt viele Gesichter. Zu 90% beginnt sie mit psychischer Gewalt. Und nur darauf möchte ich in diesem Beitrag eingehen. Die anderen Formen werden in den folgenden Beiträgen ausführlich beschrieben.

Heute bleibe ich bei der psychischen Gewalt und wie sie aussehen kann. Im Kontakt mit Betroffenen zeigt sich fast immer das gleiche Muster, welches auch ich erlebt habe.

Man lernt einen neuen Menschen kennen, verliebt sich und möchte möglichst viel Zeit miteinander verbringen. Deshalb fällt es auch gar nicht auf, das dieser Mensch fast vom ersten Moment an Gewalt ausübt. Eher im Gegenteil, man fühlt sich geschmeichelt über das große Interesse und die Fürsorge die einem da entgegen gebracht wird. Ich werde jetzt meinen Beginn erzählen weil es einfacher ist in der Ich Form zu schreiben, und weil ich weiß das dieses Muster auf die meisten gewalttätigen Beziehungen zutrifft.

Als ich meinen späteren Mann und Vater meiner Kinder kennen lernte, hatte ich schon einen Sohn von knapp zwei Jahren. Gar nicht so einfach allein mit einem Kleinkind, kaum Erwachsene Gesprächspartner, zumal wir gerade erst in den Ort gezogen waren.

H. störte es nicht das ich schon ein Kind hatte, im Gegenteil er bemühte sich sehr um den Kleinen. Aber auch für mich, für meine Familie, passte auf das uns niemand zu nahe kam. Er wollte jede freie Minute mit uns verbringen und war verletzt wenn wir andere Pläne hatten. Diese Verletzlichkeit erzeugte ein schlechtes Gewissen, so das ich immer weniger eigene Pläne hatte und wenn doch, dann so das ich Zeit für ihn hatte, wenn er Freizeit hatte.

Waren wir unterwegs, schirmte er uns immer von anderen Menschen ab, niemand sollte uns verletzen oder dumm anmachen. Und bei kleinen Kindern sollte man ja sowieso aufpassen. Manchmal fand ich seine Reaktionen zwar übertrieben, schrieb sie aber seiner Fürsorge zu.

Ganz langsam, aber beständig schaffte er es mich immer mehr zu isolieren. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen wenn ich Zeit damit verbrachte mit meiner Familie zu telefonieren, oder mit einer Nachbarin zu sprechen.

Heute weiß ich, dies ist System, denn je isolierter das Opfer ist, umso mehr bindet es sich an den Täter. Ist er doch das einzige was ihm geblieben ist. Auch ich habe mich so verhalten. Denn irgendwann war er wirklich der einzige soziale Kontakt den ich noch hatte. Heute würde ich eine derartige Bevormundung und Kontrolle nicht mehr zulassen. Partnerschaft bedeutet nicht 24 Stunden am Tag nur auf den Partner fixiert zu sein. Jeder braucht seinen Freiraum, seine Interessen, seine Freunde und Familie. Und nur weil H. meine Freundin nicht mag, muss ich die Freundschaft nicht aufkündigen. Genauso wie ich nicht alle seine Freunde mögen muss.

Sobald die Isolation gut funktioniert, folgt der nächste Schritt. Zusätzlich zur psychischen Gewalt kommen neue Formen der Gewalt hinzu.

Meine persönliche Meinung, die psychische Gewalt ist die brutalste Form der Gewalt. Sie lässt sich nicht beweisen. Sie hinterlässt lebenslange seelische Narben. Aber diese Narben sind nun mal nicht sichtbar und werden deshalb von der Gesellschaft auch oft bagatellisiert. Der Täter wirkt nach außen hin, meist unauffällig, sympatisch,  deshalb kann er sich gut verkaufen. Das Opfer wird dann als hysterisch hingestellt. Außenstehende glauben eher dem Täter weil er sich besser verkaufen kann.