Abschied nehmen

Vor wenigen Stunden habe ich erfahren das meine Oma ihre letzte Reise angetreten hat. Sie musste zum Glück nicht leiden sondern ist nach 100 Jahren, 3 Monaten und 8 Tagen eingeschlafen. Sie war müde geworden, vieles was sie geliebt hatte, ging zum Schluss nicht mehr. Lesen, Handarbeiten, Karten spielen fehlten ihr sehr, doch die Augen waren noch müder als sie.

Bis zum Schluss legte sie viel Wert auf ihr aussehen, der wöchentliche Friseurbesuch musste einfach sein. Opa ist schon seit vielen Jahren tot, und Oma sagte beim letzten Besuch noch, ich hätte nie gedacht das er so lange auf mich warten muss.

Wenn ich an Oma und Opa denke fällt mir so vieles wieder ein. Der Geruch nach Fichtennadeln steigt mir in die Nase. Denn im Gegensatz zu meinem Elternhaus gab es bei Oma eine richtige Badewanne mit fließend warmen Wasser. Wenn wir zu Besuch fuhren war die erste Frage “ Oma, dürfen wir baden?“ Natürlich durften wir, und immer kamen die Brausetabletten ins Badewasser. Grün und nach Wald riechend.

Wald, gibt es ja in der Eifel reichlich. Oft gingen wir gemeinsam spazieren. Unser Opa war immer flott unterwegs und wir Kinder hielten uns meist bei Oma. So fiel es auch nicht auf, wenn Opa zweimal im Jahr noch schneller als sonst unterwegs war. Er spielte dann für uns den Osterhasen oder Christkind. Beide waren immer so schwer beladen das sie unterwegs so einiges verloren hatten, und ausgerechnet wir hatten das Glück die verlorenen Sachen zu finden.

Ich bin ja in Köln aufgewachsen, und hätte so gerne ein Fahrrad gehabt, wie die meisten meiner Klassenkameraden. Doch meine Eltern hatten zu viel Angst und von daher bekam ich keins. Aber, Oma besaß ein Fahrrad. Und ich einen flotten und starken Opa, und so lernte ich auf Omas Fahrrad das fahren. Opa hielt mich ja fest. Dachte ich zumindest, und ich fuhr gut. Bis ich mich umdrehte und merkte das er schon lange losgelassen hatte…. Platsch… lag Gabi auf der Nase. Irgendwann habe ich es aber trotzdem geschafft.

Schon im Herbst begann Oma mit der Weihnachtsbäckerei. Ich weiß nicht wie viel kg Weihnachtsstollen sie jedes Jahr gebacken hatte. Dieser wurde dann im kalten Schlafzimmer auf den Kleiderschrank gelegt, zum reifen. Zu Weihnachten wurde die ganze Familie damit verwöhnt. Klar natürlich hat sie auch Plätzchen gebacken, doch der Stollen ist mir besonders in der Erinnerung da sie die einzige in der Familie war, die sich diese Mühe gemacht hat.

Und kochen konnte sie. Klöße wurden nicht fertig gekauft, sondern noch von Hand gemacht. Ihre grünen Klöße ein Gedicht, ich bekomme sie nicht so hin. Dazu lecker Sauerbraten, natürlich schon Tage vorher eingelegt  und Rotkohl vom frischem Kohl. Schon beim Schreiben habe ich den Geschmack auf der Zunge.

Nur aus ihren Erzählungen weiß ich, das ich ein sehr schlechter Esser als Kind war. Wie sagte sie immer, ein Vögelchen hat mehr gegessen als ich. Butterbrot ohne Tomate oder Gürkchen brauchte mir niemand hinstellen. Kaum vorstellbar, aber damals soll ich spindeldürr gewesen sein. Da mir Kleidung von der Stange nie passte, hat sie viel gestrickt für mich. Damit ich passende Kleidung habe.

Ich finde es aber auch Wahnsinn was diese Frau alles erleben durfte und musste. Zwei Weltkriege, im zweiten hat sie ihren Mann verloren, also meinen richtigen Opa. Stand alleine mit zwei Kindern da, fand später ihren zweiten Mann und bekam zwei weitere Kinder. Konserven, Tiefkühlkost, ich kann mich nicht erinnern das sie dies jemals gekauft hätte. Nein, ganz so wie sie es gewohnt war, kochte sie alles selber ein. Das Regal im Keller wurde nie leer. Sie war die erste in der Familie die eine Waschmaschine bekam. Und später auch eine Spülmaschine, glaube ich. So viele Erfindungen, und technische Errungenschaften die sie in den hundert Jahren erleben durfte.

Oma hat mich vieles gelehrt, nicht mit erhobenen Zeigefinger, sondern durch vorleben. Oder Geschichten erzählen, oder einbeziehen in Tätigkeiten. Vieles was heute für die Kids selbstverständlich ist, gab es bei ihr nicht. Zum Beispiel dazwischen quatschen wenn die Erwachsenen sich unterhalten, ein absolutes NoGo. Sie schaute uns dann immer an, und wir wussten sofort Bescheid. Langes diskutieren gab es nicht und war auch nicht nötig. Tischmanieren waren ihr ebenfalls sehr wichtig. Im Gegensatz zu meiner Mutter, bestand sie allerdings nie darauf, das wir was essen mussten was wir nicht mochten. Hingegen Reste auf dem Teller waren ihr ein Dorn im Auge. Ich kann mich aber nicht erinnern, das sie mir irgendwann mal wirklich böse war. Warum auch, ein Blick von ihr und man korrigierte das Fehlverhalten sofort.

Ich bin froh das sie nicht leiden musste und heute Vormittag friedlich zu ihrem Mann gegangen ist. Sie hatte ein erfülltes und und meist auch glückliches Leben. Opa hat sie auf Händen getragen, sie hätte keinen besseren Mann bekommen können. Er hat ihr die ganzen letzten Jahre sehr gefehlt und mehr als einmal wünschte sie sich, sie könnte bei ihm sein. Jetzt ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen und ich hoffe das sie wieder glücklich ist, da wo sie jetzt ist.

Ich werde mich immer an die schönen Stunden, Ferien und Erlebnisse erinnern. Dankbar das ich so eine tolle Oma hatte. 

 

 

5 thoughts on “Abschied nehmen”

  1. Liebe Gabriele,
    du hattest … wenn ich sagen darf … die besten Großeltern die es gab ? Du hattest soviel erfahren- und erlernen dürfen. Ich denke du warst oft bei deinen Großeltern.
    Schene dir Kraft und eine Umarmung für DICH.
    DIE ERINNERUNG BLEIBT
    und jetzt ist deine Oma bei deinem Opa in IHR letztes zu Haus angekommen. Jetzt sind sie wieder vereint.
    Ganz liebe Grüsse
    Hildegard

  2. Liebe Gabriele, Du hast eine wundervolle Art Abschied zu nehmen und all Deine Gefühle und Erinnerungen damit zu verbinden, um in Liebe immer gerne an Deine lieben Großeltern zu denken.
    Mein Mitgefühl möge Dir den Abschied und Verlust etwas leichter machen und Dir Kraft geben.
    Dein Großeltern werden immer in Deinem Herzen sein.
    Ganz liebe Grüße von Helga

    1. Liebe Helga,
      danke für deine Anteilnahme und deine warmen Worte. Ein wenig leichter wird das Abschied nehmen dadurch das ich weiß das sie zu ihrem Mann wollte. Und das ich sie so lange behalten durfte.

      Lieben Gruß
      Gabriele

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