Wie können die Menschen in Ungarn überhaupt überleben?

Gestern konnte ich wieder einmal nur mit dem Kopf schütteln. Die armen Menschen die hier leben müssen, aber auch die armen die es sich wie wir freiwillig ausgesucht haben. Ich hoffe das ihr uns alle mal kräftig bedauert.

Erste Anzeichen, der Herbst steht vor der Türe

In einer der vielen Ungarngruppen auf Facebook schrieb gestern jemand das er im Frühjahr ein Haus zur Miete sucht. Er und seine Frau sind Frührentner und wollen sich ebenso wie wir hier niederlassen. Soweit nichts außergewöhnliches, solche Anfragen findet man regelmäßig quer durch alle Gruppen.

Kirche im Sonnenuntergang

Die erste Antwort die er bekam, fahr doch erstmal hin und sieh dir alles an. Klang ja noch ganz vernünftig. Auf die Antwort ich war in Ungarn und wir sind jetzt erst recht entschlossen nach Ungarn zu ziehen, ging es dann aber los. X erzählte er sei erst kürzlich in Ungarn gewesen, habe sich einiges angesehen und sich dann entschlossen nicht nach Ungarn zu gehen. Die Armut, die verfallenen Häuser, in den kleinen Geschäften auf dem Land kann man ja nichts kaufen, weil die nichts im Angebot haben. Und wenn es deutsche im Ort gibt, sollte man die Gesinnung hinterfragen, denn er möchte ja nicht mit vorwiegend rechten in der Nachbarschaft leben.

Keszthely Strand im Juli

Starker Tobak, da redet mal wieder jemand der von nichts eine Ahnung hat. Und ganz sicher auch nicht von der Mentalität der Ungarn. Sicher in Ungarn ist auch nicht alles wie im Paradies. Es gibt Menschen die jeden Forint umdrehen müssen bevor sie ihn ausgeben, die Löhne sind niedrig, teilweise so niedrig das man sich schon fast schämt die Arbeitskraft in Anspruch zu nehmen.

Und doch sollte man das ganze mal differenzierter sehen.

Okay, die Straßenverhältnisse sind nicht immer toll, aber in Deutschland auch schon eine Weile nicht mehr

Die Ungarn leben völlig anders als wir es aus Deutschland kennen. Das beginnt damit das sie meistens, Obst und Gemüse selber anbauen, sehr viele halten Tiere, wie Hühner, Schafe, Ziegen und Schweine. Zumindest hier, in der Gemeinde kann man sehr günstig einkaufen. Wir haben 30kg Kartoffel, je 10kg Paprika und Zwiebeln von der Gemeinde gekauft. Umgerechnet waren das nicht einmal 20€.

In fast jedem Ort in dem wir waren gibt es die kleinen „Tante Emma“ Läden. Je nach Größe mit einem mehr oder weniger großen Sortiment. Aber doch so das man fast alle Grundnahrungsmittel bekommen kann. Und das zu Preisen die deutlich unter denen der diversen Supermarktketten liegen.

Noch mal ein wenig Sommer

Wie haben unsere Großeltern und teilweise auch unsere Eltern noch eingekauft? Ganz sicher haben sie auch auf die kleinen Läden und Selbstversorgung zurückgegriffen. Die Ungarn haben sich dies zum Glück bis heute bewahrt.

Man findet auch immer wieder, viel Liebe zum Detail

Die vielen verfallenen Häuser, ja anfangs dachte ich auch, oh man das sieht nach ganz viel Armut aus. Mittlerweile ändert sich meine Sichtweise ein wenig. Was ich jetzt in den folgenden Sätzen schreibe sind keine Tatsachen sondern eher meine Sicht auf das Thema.

Spricht man mit älteren Menschen hier im Land, dann hört man immer wieder, es war schwer doch wir haben jedem Kind ein Haus gebaut. Wenn dies auch in anderen Regionen so gehandhabt wurde, dann gibt es doch in Ungarn viel mehr Häuser als Menschen die darin wohnen könnten? Die Eltern sterben irgendwann, das Haus bleibt übrig. Die Kinder heiraten und können ebenfalls nur ein Haus bewohnen und schon ist wieder eins übrig. Warum also mehr Geld in eine Immobilie stecken als notwendig. Notwendig damit es bewohnt werden kann, nicht mehr und nicht weniger. Haben die vielen verfallenden Häuser also wirklich was mit Armut zu tun, oder sind sie eher Opfer einer völlig anderen Mentalität? Ich bin jetzt erst vier Wochen hier, und vielleicht kann ja der ein oder andere von denen die schon länger hier sind, oder auch waschechte Ungarn sich mal dazu äußern, ob meine Gedanken da in die richtige Richtung gehen oder ich völlig falsch liege?

Ende meiner Gedanken, zurück in die Realität.

Ich persönlich empfinde es sogar als Luxus, das ich hier im Ort gleich zwei kleine Geschäfte habe, das der Arzt einmal die Woche kommt, alle 14 Tage die Friseurin.  Von den ganzen Verkaufswagen, die ich noch nicht in Anspruch genommen habe, will ich gar nicht reden. Es gibt einen Gemeindebus, den man nutzen kann um Besorgungen zu machen, der einem, wenn man das möchte, das Mittagsessen ins Haus bringt. Es gibt eine, im Vergleich zu Deutschland, sehr gute Anbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, die in ganz Ungarn von Rentnern kostenlos genutzt werden können. Und das ohne lange Bürokratie, Personalausweis zeigen reicht. Die Post kommt täglich, und bietet ebenfalls einen Service den ich so noch nie kennen gelernt habe. Es wird nicht nur die Post zugestellt, nein ich kann meine Post dort aufgeben, kann Geld abheben. Wenn ich das Bedürfnis habe hänge ich ein Schild an den Zaun und kann alles vor der Türe erledigen. Ich empfinde es als Luxus, das meine Hunde hier im Garten toben können, das ich wenn ich möchte, Gemüse und Kräuter anbauen kann. Das ich mir jederzeit Tiere anschaffen kann und das obwohl ich mitten im Dorf wohne und Nachbarn rechts und links habe. Ich empfinde es als Luxus das auf meinem Grundstück alles Wiese ist, mit Blumen und vermutlich auch Kräutern, und sich niemand beschwert weil der Löwenzahn seine Samen auf seinen kostbaren englischen Rasen weht.

Das alles ist so schrecklich, das man alle Ungarn und zugewanderten bedauern muss und auf gar keinen Fall nach Ungarn auswandern sollte. Und wenn ihr es doch wollt, dann schaut euch auf jeden Fall eure zukünftigen Nachbarn gut an 🙂 Bei manchen bin ich echt froh, das sie sich gegen dieses Land und ein Leben hier entschieden haben. Doch die, die ich bisher kennen lernen durfte, die teilweise schon einige Jahre in Ungarn leben, würden es immer wieder tun und haben ihre Entscheidung nicht bereut.

Vier Wochen Erfahrungen und Eindrücke

Guten Morgen, jo reggelt, heute vor vier Wochen im Morgengrauen sind wir angekommen. Ich glaube jetzt um die Zeit bin ich, nach viel zu wenig Schlaf, aus dem Bett gekrabbelt. Das warten auf unsere Möbel begann. Das wir trotzdem ein paar Stunden schlafen konnten, hatten wir unseren tollen Vermietern zu verdanken, die uns zwei Betten bezogen haben. Es waren in dem Haus ja einige Möbel vorhanden, unter anderem auch zwei Schlafzimmer. Einige werden wir auf jeden Fall weiter nutzen, andere kommen in den Anbau und werden dort eingelagert.

Immer wieder merken wir das wir noch viel zu deutsch denken und empfinden. 🙂 Vieles was hier normal ist, ist uns doch noch fremd. Es beginnt bei Terminen, diese sind ein Anhaltspunkt, aber ganz sicher kein fester Zeitpunkt den man planen kann. Diese Woche wieder passiert, Termin am Mittwoch, Monteur kommt schon am Dienstag. 🙂 Blöd nur, das ich nicht viel Bargeld im Haus habe und ihn sicher nicht bezahlen kann. In Deutschland wäre der Handwerker sicher wieder gefahren, hier nicht. Er glaubte mir, als ich ihm versicherte ich komme morgen früh ins Geschäft und bezahle dort.  Es gibt auch die andere Seite, Termine werden gemacht, aber nicht eingehalten. Von daher werden wir uns alle Adressen notieren, von denen die uns zuverlässig erscheinen.

Ist das Leben in Ungarn wirklich günstiger?

Eine Frage die oft gestellt wird, und gar nicht so einfach zu beantworten ist. Man kann günstig leben wenn man geschickt einkauft. Der Unterschied zwischen den großen Ketten und einheimischen Läden und Märkten ist mehr als deutlich spürbar. Natürlich erhalte ich in den kleinen Läden keine deutschen Produkte, muss mich also umstellen, probieren, austesten und auch mal auf die Nase fallen 🙂 Hier nachlesen

Für uns persönlich würde ich sagen, das wir hier sehr gut leben können. In Deutschland hätten wir uns entscheiden müssen, leben oder Anschaffungen machen. Hier haben wir einige Anschaffungen gemacht, waren mehrfach essen, haben dreimal getankt und zählen trotzdem noch nicht die Tage bis zum Monatsende. Wobei wir sicher beim einkaufen das ein oder andere Mal falsch zugegriffen haben und dann feststellten das war ja auch kein ungarisches Produkt. Aber wir lernen ja noch, sind ja erst vier Wochen hier.

Wo wir gerade beim Thema lernen sind, merke ich jetzt doch, ich bin keine zwanzig mehr. In der Schule fiel mir englisch nicht schwer, ich musste nicht pauken. Jetzt merke ich das ich wirklich intensiv lernen muss um die ungarischen Vokabeln zu lernen. Ich habe ein gutes Programm gefunden, doch beim Vokabel abfragen merke ich das ich mich sehr schwer tue mich an die gelernten Worte zu erinnern. Wobei Worte geht ja noch, Sätze sind da schon schwieriger. Vielleicht bin ich auch einfach zu ungeduldig.

Das Leben hier ist eindeutig entspannter, ich erzählte gestern unserem Nachbarn das wir jetzt einen Zaun gebaut haben damit die Hunde nicht mehr abhauen können. Er erzählte mir dann das unsere Lucy ihn und seine Hunde regelmäßig besucht hat. Sie ist unter dem einen Schuppen durch und war dann bei ihm. Für ihn völlig normal und überhaupt kein Problem. In Deutschland hätte das sicher für einen Nachbarschaftsstreit gesorgt. Hier hört man eigentlich Tag und Nacht irgendwo Hunde bellen, auch das ist völlig normal und niemand regt sich über die Kläffer auf. Einige Hunde drehen täglich ihre Runden durchs Dorf, und gehen dann wieder nach Hause. Niemand scheint Angst zu haben das den Hunden etwas passiert, so locker sind wir noch lange nicht, aber vielleicht kommt das ja noch.

Vier Wochen Ungarn, die Zeit ist schnell vergangen. Überwiegend bestand sie natürlich aus einrichten, zurecht finden also eigentlich aus ankommen. Milch, Käse und Quark beziehen wir von unseren Vermietern, Gemüse und Kartoffeln von der Gemeinde, die Tage werde ich mal zu unserer Imkerin gehen und mir Honig besorgen. Vom ungarischen Brot haben wir uns verabschiedet, da ist uns selbst gebackenes doch lieber, vor allem sättigender. Das ist aber bisher das einzige wovon wir uns nicht trennen können. Im Oktober werden wir jetzt die Anmeldung in Angriff nehmen, unsere Vermieterin hat versprochen uns dabei zu unterstützen. Nicht das wir auf dem Amt etwas unterschreiben und dann eine Waschmaschine geliefert bekommen 🙂

Gleich stehen meine Schlafmützen, Lucy und Achim, auf, und ich werde dann hier mal wieder klar Schiff machen. Durch den Zaunbau ist hier drinnen einiges liegen geblieben, und Heinzelmännchen die dies still und leise über Nacht erledigen gibt es leider auch in Ungarn nicht. 🙂 Euch allen einen schönen, entspannten oder produktiven Tag.