Gedanken zu einer interessanten Frage, wie stelle ich mir meine Zukunft vor?

Gedanken zu einer interessanten Frage, wie stelle ich mir meine Zukunft vor
In einer der unzähligen Ungarngruppen wurde eine Frage gestellt, über die es sich lohnt nachzudenken. Um diese Frage geht es

Schon an der Behauptung man könne in Ungarn günstig leben, scheiden sich in den Gruppen die Geister. Die einen stimmen dem zu, andere widerum widersprechen heftig. Ich habe gerade erst feststellen müssen das ich in Ungarn wesentlich günstiger leben darf als in Deutschland. Zumindest wenn ich keine überzogenen Ansprüche habe, wenn ich nicht unbedingt deutsche Produkte haben muss um zufrieden zu sein. Zumindest Grundnahrungsmittel sind hier um rund die Hälfte und mehr günstiger, wenn ich einheimische Produkte vorziehe.
Aber die Frage ging ja eher um das Thema – Fernab der „Heimat“ im Alter und bei Krankheit.
Was ich weiß, ich möchte im Alter nicht in einem deutschen Pflegeheim vor mich hin dämmern und auf den Tod warten. Auch möchte ich nicht meine Kinder verpflichten für mich zu sorgen, diese haben ihr eigenes Leben und sollen dies auch nicht für mich aufgeben oder massive verändern.
Ich bin sicher egal welches Leiden mich irgendwann einmal treffen wird, es wird kein Grund sein meine Wahlheimat zu verlassen. Die Mediziner hier sind sehr gut ausgebildet, bis es soweit ist habe ich hoffentlich genügend Sprachkenntnisse um mich mit meinem Arzt auch unterhalten zu können. In unserem Dorf gibt es zudem eine Gemeindeschwester, es gibt den Gemeindebus mit dem ich zum Arzt fahren kann, wenn mir dies nicht mehr eigenständig möglich ist. Einkaufen kann ich im Dorfladen oder bei den fliegenden Händlern, es findet sich zudem auch immer jemand den man bitten kann etwas mitzubringen. Selbst wenn das schlimmste eintreten sollte, ich kann nicht mehr selbstständig leben, denke ich das es hier wesentlich einfacher und finanzierbarer wäre, sich eine Hilfe ins Haus zu holen.
Keiner meiner Zukunftsgedanken sieht mich irgendwann wieder dauerhaft in Deutschland. Warum auch, die einheimischen erleben doch auch hier ihr Alter, gehen hier zum Arzt und ins Krankenhaus. Und ich bin ganz sicher nicht anders als sie, was für sie gut genug ist, ist es für mich auf jeden Fall auch. Von daher mache ich mir wenig Sorgen um die Zukunft.

Wo komme ich her, wo möchte ich sein?

Wieder zu Hause
So ein paar Tage Deutschland reichen völlig aus um mir wieder bewusst zu machen wie gut ich es eigentlich habe in meiner neuen Heimat. Wie paradiesisch ich hier eigentlich leben darf. Selbst gestern beim Rückflug dachte ich noch, armes Deutschland. Keine Starterlaubnis weil es zu wenig Fluglotsen gibt? Das war doch mal ein Traumberuf und heute gibt es nicht mehr genug? Ich wollte es ja eigentlich nicht glauben als mir meine Mutter erzählte das häufig Züge ausfallen weil es zu wenig Lokführer gibt. Aber auch bei den Preisen habe ich nicht schlecht gestaunt. 1,20 Euro für ein süßes Brötchen? Wer soll das eigentlich noch bezahlen? So ging es mir mit vielen anderen Sachen auch, wo ich dachte wie kommen Familien mit ihrem Geld über die Runden?
Aber was mich am meisten gestört hat, bzw. mir negativ aufgefallen ist diese Enge, diese mangelnde Privatsphäre. Daran könnte ich mich nie mehr gewöhnen. Hier gehe ich hinaus, trinke meinen Morgenkaffee ohne mir Gedanken machen zu müssen was oder ob ich etwas anhabe, dort unmöglich. Hier höre ich morgens und am Abend nur die Natur, dort sind es hupende Autos, laute Musik, oder die Nachbarn. Davon muss ich mich jetzt erstmal wieder erholen.
Auch das Bild auf den Straßen ein völlig anderes als hier. Kaum Frauen oder Mädchen in Kleidern oder sonstiger leichter Sommerbekleidung, die wenigen fallen im Gesamtbild sofort auf. Es ist hektisch, niemand scheint mehr Zeit für einen Blick auf seine Umgebung zu haben, kaum jemand lächelt, und grüßen ist sowieso out. Ich empfinde dies bei jedem Besuch extremer, und frage mich dann immer wieder, wie halten die Menschen das aus? Wie kann man in so einer kalten Gesellschaft leben?
Im Netz lese ich immer wieder Deutschland will das Bargeld abschaffen. Bis dahin ist es auf jeden Fall noch ein sehr sehr langer Weg. Kann ich hier eigentlich überall, auch kleinste Beträge mit Karte bezahlen, so ist dies in Deutschland nicht möglich. Die meisten akzeptieren Kartenzahlung erst ab zehn Euro, andere haben noch gar kein Lesegerät. Oder sie haben eins und wissen es nicht zu bedienen, so passiert vergangene Woche. Ich habe meinen Einkauf dann stehen gelassen.
Auch was die Netzabdeckung angeht, bin ich hier eindeutig besser dran. Hier benötige ich kein Festnetz um auch im Haus Internet zu haben, dort war ich froh das ich die Zugangsdaten zum Router bekommen habe, sonst wäre ich arm dran gewesen.
Ich weiß gleich kommen wieder die Kritiker, erzählen mir etwas über die Armut in Ungarn, herunter gekommene Häuser usw. halten mir vor ich hätte wieder meine rosarote Brille auf. Aber ganz ehrlich, ich sehe die Probleme die es auch hier gibt sehr wohl, weiß das es viele Menschen hier gibt die täglich zu kämpfen zu haben. Aber trotz aller Probleme sind die Menschen hier anders, sie verstehen trotzdem zu leben, verstehen es zu feiern, und sich gegenseitig zu respektieren. Besonders in den kleinen Orten kann man sicher sein, wenn man wirklich in Not ist, ist jemand da den man ansprechen kann und wo man Hilfe bekommt. Und genau das ist es, was für mich das Leben hier lebenswert macht. Hier darf man noch Mensch sein und ist von Menschen und nicht von Egoisten umgeben.
Bin ich den sozialen Netzwerken unterwegs, wundere ich mich immer wieder. Viele die ausgewandert sind, identifizieren sich immer noch mit Deutschland. Sätze wie, warum lassen wir uns das gefallen, wann wachen wir auf, was ist in unserem Land los, sind an der Tagesordnung. Sätze die ich gar nicht mehr denke oder empfinde. In meinem Land gibt es andere Probleme, die Probleme in Deutschland interessieren mich nur noch insoweit wie sie die Menschen betreffen mit denen mich etwas verbindet. Das ist mein einziger Bezug zu Deutschland, meine Familie und die wenigen Freunde, ansonsten verbindet mich absolut nichts mehr mit diesem Land, hier bin ich zu Hause, hier ist meine Heimat. Ich danke den Ungarn das ich hier sein darf, das ich in ihrer Gemeinschaft leben darf.
Jetzt aber erstmal wieder ankommen, diese Ruhe einatmen und erholen. Euch allen die ihr bis hierhin gelesen habt wünsche ich eine schöne Restwoche und kommt gut in den ersten Herbstmonat.